Gesellschaft: Soziale Gerechtigkeit im Streit
Berlin () – Der deutsche Philosoph Otfried Höffe spricht sich dafür aus, den Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ aus der politischen Debatte zu entfernen. Der Begriff und die damit verbundene Vorstellung hätten das Land auf einen „gefährlichen“ Weg geführt, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Man sollte auf diesen Ausdruck lieber verzichten“, sagte er. Er sei aufgeladen mit christlichen Werten wie „Wohltätigkeit und Menschenliebe“, was den klassischen Gerechtigkeitsbegriff „über das Geschuldete hinaus“ ausgeweitet habe.
Höffe, der ein Standardwerk über „Politische Gerechtigkeit“ geschrieben hat, sieht insbesondere in der Grundsicherung – dem früheren Bürgergeld – einen „Gerechtigkeitsverstoß“. Er bemängelt, dass Bezieher der staatlichen Leistung nicht durch verpflichtende Gemeinschaftsarbeit einen eigenen Beitrag zur Finanzierung des Systems leisteten. „Es müssen Steuern eingenommen werden, und zwar von denen, die ihr Einkommen noch selber erarbeiten. Dass die einen das machen und die anderen nicht, widerspricht dem Grundgedanken der Gerechtigkeit, alle Menschen gleich zu behandeln“, sagte er.
Die verbreitete Forderung, dass starke Schultern mehr tragen müssten, hält Höffe für ungerecht und unklug. Wer schon heute durch Progressionssteuern höher „belastet“ werde, solle nicht „noch mehr“ beitragen müssen, sagte er. „Wenn die Reichen lieber ins Ausland wandern und dort ihre Steuern zahlen, ist das für das Gemeinwesen ein Eigentor“, sagte er.
Im Blick auf die Rentendebatte warb Höffe für eine deutliche Schlechterstellung der Älteren. „Wenn jemand statt früher vielleicht 40 Jahre heute nur noch 30 Jahre arbeitet und dann 25 Jahre lang in Rente geht, dann ist es nicht ungerecht, ihm zu sagen: Du musst später in Rente gehen – und darfst auch nur noch das Maß an Rente beanspruchen, das Deine Kinder und Enkel bekommen werden.“ Darüber, dass die „Rente mit 70“ in den Plänen der Bundesregierung auf das Jahr 2090 verschoben werden soll, könne „man nur den Kopf schütteln“, sagte er. Die Lasten für die Jüngeren seien „unanständig und ungerecht“, und den Regierungen fehle die „Courage“, das zu sagen.
Auch gegenüber Förderprogrammen für Frauen äußerte sich Höffe kritisch. Zum einen könnten sie, insbesondere im Hochschulbereich, zu einer Benachteiligung von Männern führen. „Ich halte das nicht für gerecht, denn was unsere Mütter und Großmütter erlitten haben, können wir nicht wiedergutmachen, indem unsere Töchter und Enkelinnen bevorzugt werden.“ Zum anderen entstehe ein „Gerechtigkeitsproblem“, wenn Studenten ihr „Recht auf die beste Person“ vorenthalten werde. Kritisch äußerte er sich auch über die Debatte über die Bundespräsidentenwahl: „Sich von vornherein auf eine Frau festzulegen, betrachte ich als eine Benachteiligung unserer Gesellschaft“, sagte er.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie heißen die Personen in diesem Beitrag?
Otfried Höffe
Welche Organisationen oder Institutionen werden genannt?
Otfried Höffe, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Bundesregierung, Bundespräsidentenwahl
Wann ist das Ereignis passiert?
Datum / Zeitraum: Nicht erwähnt
Wo spielt die Handlung des Artikels?
Berlin
Worum geht es in einem Satz?
Der deutsche Philosoph Otfried Höffe fordert, den Begriff „soziale Gerechtigkeit“ aus der Politik zu streichen und kritisiert u. a. Grundsicherung/Bürgergeld, höhere Rentenlasten für Jüngere sowie frauen- und quotenbezogene Förderdebatten als ungerecht.
Was war der Auslöser für den Vorfall?
- Otfried Höffe spricht sich dafür aus, den Begriff „soziale Gerechtigkeit“ aus der politischen Debatte zu entfernen, weil er das Land auf einen „gefährlichen“ Weg geführt haben soll
Wie hat die Öffentlichkeit oder Politik reagiert?
- Keine Reaktion von Politik, Öffentlichkeit oder Medien beschrieben
Welche Konsequenzen werden genannt?
- Wegfall des Begriffs soziale Gerechtigkeit aus der politischen Debatte
- Kritik an Grundsicherung früher Bürgergeld als Gerechtigkeitsverstoß
- Forderung nach Gleichbehandlung aller Menschen durch beitragsgleiche Finanzierung über Steuern
- Ablehnung weiterer Mehrbelastung hoher Einkommen über Progressionssteuern hinaus
- Befürchtung eines Nachteils für das Gemeinwesen bei Steuerabwanderung reicher Personen
- Befürwortung einer späteren Rente nicht als individueller Widerspruch sondern als politische Konsequenz bei sinkender Erwerbsdauer
- Entschiedene Ablehnung der Verschiebung der Rente mit 70 auf 2090 wegen Belastung künftiger Generationen
- Bewertung der Rentenpläne als unanständig und ungerecht für Jüngere
- Kritik an Förderprogrammen für Frauen wegen möglicher Benachteiligung von Männern
- Ablehnung bevorzugter Behandlung von Frauen auch im Hochschulbereich
- Kritik an Förderlogiken mit Benachteiligungswirkung auf Studenten durch entgangenes Recht auf die beste Person
- Ablehnung einer vorab festgelegten Kandidatin bei der Bundespräsidentenwahl wegen Benachteiligung der Gesellschaft
Gibt es bereits eine Stellungnahme?
Ja. Otfried Höffe wird mit mehreren direkten Aussagen („sagte er der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘“, u. a.) zitiert.
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