Wirtschaftspolitik: Euro-Schulden im Fokus Berlin
Berlin () – Der Ökonom und frühere Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sieht den Vorstoß von IW-Direktor Michael Hüther, den Euro zur Weltleitwährung zu machen und dafür auch auf neue gemeinsame europäische Schulden zurückzugreifen, kritisch.
„Eine Gemeinschaftshaftung für die Schulden ist kontraproduktiv, denn sie führt zu einer übermäßigen Verschuldung“, sagte Sinn der „Welt“. Die Anreize könne man durch rechtliche Schranken nicht wirksam eindämmen. „Die Schuldenlasten werden wie ein Wasserfall über uns hereinbrechen. Wenn wir Pech haben, kopieren wir mit den europäischen Anleihen nur den zweiten Teil der amerikanischen Währungsgeschichte und enden dann schon recht bald dort, wo Amerika heute steht“, so Sinn weiter.
Hüther hatte dem „Handelsblatt“ gesagt, „mittel- und langfristig kann ein größerer Euro-Anleihemarkt die Finanzierungskosten der gesamten Währungsunion senken – abgesehen vom geopolitischen Gewinn“. Er mahnte insbesondere in Deutschland Offenheit gegenüber der Idee an: „Wir dürfen nicht die Scheuklappen aufsetzen, sobald der Begriff Eurobonds fällt.“ Die Implementierung eines entsprechenden europäischen Safe Assets, also eines sicheren Vermögenswerts, der auch in schweren Krisen seinen Wert nahezu vollständig erhält, sehe er als „langfristigen Prozess von zehn bis 15 Jahren. Unser Vorschlag sieht auch nicht vor, die Staatsschulden aller Länder zusammenzulegen. Eine europäische Investitionsunion könnte auf klar definierte Projekte begrenzt werden, etwa grenzüberschreitende Infrastruktur, Energie, Digitalisierung oder Verteidigung“.
Auch andere der „Welt“ befragte Ökonomen stehen Hüthers Vorschlag skeptisch gegenüber. „Was Europa benötigt, um den Euro als Weltwährung voranzubringen, ist der Vorrang für Wachstum, Innovationen und Bürokratieabbau – aber keine gemeinsamen europäischen Schulden“, so Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ und außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Widerspruch erntet der Vorschlag auch von Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums im Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). „Die Frage von gemeinsamen Anleihen – einerlei, ob für neue Schulden oder zur Vergemeinschaftung von Altschulden – muss sich nach fiskalischen Kriterien richten, nicht nach monetären. Eine überzeugende Begründung für fiskalisch gebotene Gemeinschaftsschulden kann ich im Vorstoß von Herrn Hüther nicht erkennen.“
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält Hüthers Vorschlag hingegen für bedenkenswert. „Die Europäische Union benötigt gemeinsame Staatsanleihen. Die gestärkte internationale Rolle des Euro ist dabei jedoch einer der weniger wichtigen Vorzüge. Europa benötigt gemeinsame Steuern und Staatsanleihen, um gemeinsame Aufgaben besser erfüllen zu können, insbesondere um gemeinsam in Innovation, Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung investieren zu können.“
Volker Wieland, Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie und Geschäftsführender Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability an der Goethe-Universität Frankfurt sowie früheres Mitglied der „Wirtschaftsweisen“, weist auf eine zunehmende Häufung von Vorstößen in Richtung gemeinsamer europäischer Schulden hin. „Auch der frühere IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hatte gemeinsam mit dem Hedge-Fonds-Ökonomen Angel Ubide bereits einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Beide versprechen sich wie jetzt auch Hüther von gemeinsamen Euro-Anleihen, dass sie für die internationalen Reserven von anderen Staaten und Finanzinstitutionen eine attraktivere Anlage darstellen als deutsche oder niederländische Anleihen, weil es dann eben mehr von ihnen gäbe.“ Ob es gelinge, dass der Euro damit seine Rolle als internationale Reservewährung ausbauen könne, sei zweifelhaft, ebenso, ob es einen nennenswerten Unterschied bei den Zinsen machen würde.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie heißen die Personen in diesem Beitrag?
Hans-Werner Sinn, Michael Hüther, Friedrich Heinemann, Stefan Kooths, Marcel Fratzscher, Volker Wieland, Olivier Blanchard, Angel Ubide
Welche Organisationen oder Institutionen werden genannt?
Ifo-Institut, IW, Welt, ZEW, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Europäische Union, Goethe-Universität Frankfurt, Institute for Monetary and Financial Stability, Wirtschaftsweisen, IWF, Olivier Blanchard, Hedge-Fonds-Ökonomen Angel Ubide
Wann ist das Ereignis passiert?
Nicht erwähnt
Wo spielt die Handlung des Artikels?
Berlin
Worum geht es in einem Satz?
Der frühere Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn kritisiert Hüthers Vorschlag, den Euro zur Weltleitwährung zu machen und dafür teils über neue gemeinsame europäische Schulden (Eurobonds/Safe Assets) zu finanzieren, weil Gemeinschaftshaftung zu übermäßiger Verschuldung und kostspieligen Folgen führen werde, während andere Ökonomen den Ansatz teils als hilfreich (Fratzscher) und teils als fiskalisch statt monetär zu begründen (Heinemann, Kooth) ansehen.
Was war der Auslöser für den Vorfall?
- Kritische Bewertung des Vorstoßes von IW-Direktor Michael Hüther zur Einführung des Euro als Weltleitwährung
- Nutzung neuer gemeinsamer europäischer Schulden als dafür notwendiger Baustein
- Forderung nach europäischem Safe-Asset mit weitgehend werterhaltender Funktion in Krisen
- Gegenspielende Skepsis anderer Ökonomen gegenüber gemeinsamen europäischen Schulden
Wie hat die Öffentlichkeit oder Politik reagiert?
- Hans-Werner Sinn kritisiert die Idee von Gemeinschaftshaftung für Schulden als kontraproduktiv wegen übermäßiger Verschuldung
- Sinn warnt vor einem möglichen Verschuldungs-Sog durch europäische Anleihen, der die „amerikanische Währungsgeschichte“ zu kopieren drohe
- Weitere befragte Ökonomen widersprechen dem Vorschlag
- Friedrich Heinemann hält gemeinsame Schulden für nicht erforderlich und nennt Wachstum, Innovation und Bürokratieabbau als wichtiger
- Stefan Kooths fordert eine Orientierung nach fiskalischen Kriterien statt monetärer Argumente und sieht keine überzeugende Begründung
- Marcel Fratzscher bewertet den Vorschlag als bedenkenswert und sieht Bedarf für gemeinsame Staatsanleihen sowie gemeinsame Steuern für Investitionen in Innovation, Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung
- Volker Wieland ordnet den Vorstoß als Teil einer Häufung ähnlicher Ideen ein und bezweifelt Wirkung auf Rolle als Reservewährung sowie Zinsunterschiede
Welche Konsequenzen werden genannt?
- Übermäßige Verschuldung durch Gemeinschaftshaftung für Schulden
- Hoher Anstieg der Schuldenlasten
- Finanzielle Risiken, die überproportional und zeitnah eskalieren könnten
- Keine wirksame Eindämmung der Anreize trotz rechtlicher Schranken
- Skepsis, dass Wachstum und Innovation Priorität statt gemeinsamer Schulden erhalten sollten
- Abhängigkeit von fiskalischen Kriterien statt monetärer Ziele für die Begründung gemeinsamer Anleihen
- Zweifel, ob die internationale Rolle des Euro dadurch signifikant ausgebaut werden kann
- Unklarheit, ob sich dadurch die Zinsen nennenswert verändern würden
- Möglichkeit, dass Investitionen in Innovation, Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung besser gemeinsam finanziert werden können
Gibt es bereits eine Stellungnahme?
Ja – Hans-Werner Sinn, Michael Hüther sowie weitere Ökonomen (u. a. Friedrich Heinemann, Stefan Kooths, Marcel Fratzscher und Volker Wieland) werden mit wörtlichen Stellungnahmen im Artikel zitiert.
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