Landwirtschaftspolitik in der EU unter Druck
Freiburg/Göteburg () – Wissenschaftler von 27 europäischen Forschungseinrichtungen haben vor einer Schwächung zentraler Schutzmechanismen bei der Zulassung von Pestiziden gewarnt. Ihre Empfehlungen für das geplante Gesetzespaket der EU-Kommission veröffentlichte die Autorengruppe unter Leitung von Dimitry Wintermantel von der Universität Freiburg und Julia Osterman von der Universität Göteborg im „Policy Forum“ der renommierten Zeitschrift „Science“.
Derzeit sind Pestizid-Wirkstoffe meist für zehn Jahre auf EU-Ebene zugelassen. Danach können Hersteller eine Weiterzulassung beantragen und müssen dabei Daten zur Sicherheit des Wirkstoffs vorlegen. Dieser durchläuft dann eine erneute Risikoanalyse.
Die Wissenschaftler kritisieren nun, dass mit dem geplanten Omnibus-Paket die meisten Wirkstoffe unbegrenzt zugelassen würden und die regelmäßige Neubewertung entfallen würde. Problematisch sei dabei, dass es nach der Zulassung weder ein systematisches Monitoring gebe, das Pestizid-Risiken aufdecke, noch einen Mechanismus, der daraufhin automatisch eine Nachprüfung auslöse. Zudem erfolge dadurch eine Beweislastumkehr vom Hersteller zu den Behörden.
„Das Omnibus-Paket würde die regelmäßige Neubewertung von Pestizid-Wirkstoffen weitgehend abschaffen und bestehende Schwachstellen der Risikoabschätzung vor der Marktzulassung unkorrigiert lassen“, sagte dazu Wintermantel. „Das erhöht die Risiken von Pestiziden für die Biodiversität und die menschliche Gesundheit. Wir sind der Auffassung, dass das Paket damit eindeutig das Vorsorgeprinzip untergräbt und europäischen und internationalen Umweltschutzzielen entgegenwirkt.“
In der Praxis habe sich die regelmäßige Neubewertung als ein wichtiges Instrument erwiesen. „Seit 2011 haben 59 Wirkstoffe aufgrund von Gesundheits- oder Umweltbedenken keine Neu-Zulassung erhalten“, sagte Wintermantel.
Während die EU für die Zulassung von Pestizid-Wirkstoffen zuständig ist, werden die einzelnen Pestizid-Produkte auf nationaler Ebene der Mitgliedsstaaten genehmigt. Das Omnibus-Paket würde laut den Forschern dazu führen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auch bei der Zulassung solcher Produkte weniger einbezogen würden. Bislang müssen EU-Mitgliedsstaaten dabei den aktuellen Stand der Wissenschaft berücksichtigen. Das Paket würde dies zwar formal nicht aufheben, jedoch neu definieren: Als maßgeblich gelte künftig der Wissensstand der letzten EU-Wirkstoffprüfung, der bei unbegrenzter Zulassung weit zurückliegen könne.
Erhält ein Pestizid-Wirkstoff keine erneute Zulassung, dürfen Produkte, die ihn enthalten, nach der aktuellen Verordnung noch bis zu 18 Monate lang aufgebraucht werden. Das Omnibus-Paket würde diese Übergangsfrist auf bis zu drei Jahre verlängern – auch wenn der Wirkstoff seine Zulassung wegen Gesundheits- oder Umweltbedenken verloren habe, solange diese nicht als unmittelbar und schwerwiegend eingestuft würden.
„Entgegen dem Ziel des Omnibus-Vorschlags, Innovation zu fördern, birgt der Vorschlag vielmehr das Risiko, Innovationsanreize zu schwächen“, sagte Osterman. „Wenn ältere Produkte länger auf dem Markt verbleiben und keiner regelmäßigen Überprüfung mehr unterliegen, verringert sich der Druck, sicherere und innovativere Alternativen zu entwickeln.“
Um Zulassungsprüfungen zu beschleunigen und hohe Schutzstandards zu sichern, sollten nicht die Antragsteller selbst auswählen, welcher Mitgliedsstaat Pestizide bewerte, fordern die Wissenschaftler. Stattdessen solle die EU die Aufgabe nach Expertise verteilen. Die EU müsse Bewertungskriterien vereinheitlichen und die Beweislast klar bei den Pestizidherstellern verankern.
Außerdem sollten Zulassungsstudien öffentlich zugänglich sein, um unabhängige Nachforschungen zu ermöglichen. Um mögliche Risiken nach der Zulassung aufzudecken, sollten Anwendungsdaten mit bestehendem Monitoring – etwa zu Bestäubern – verknüpft werden. Solche Anwendungsdaten erheben Landwirte bereits jetzt. Zudem sollten verstärkt Pestizidrückstände in der Umwelt gemessen werden. Die gemeinsame Analyse dieser Daten würde Pestizide mit hohem Gefahrenpotenzial aufdecken und gezielte Nachprüfungen ermöglichen. Mit diesen Maßnahmen, so das Fazit der Wissenschaftler, ließe sich die Zulassung von Pestiziden wissenschaftlich fundierter, transparenter und effizienter gestalten, ohne das Vorsorgeprinzip oder europäische Umweltschutzziele auszuhebeln.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie heißen die Personen in diesem Beitrag?
Dimitry Wintermantel, Julia Osterman
Welche Organisationen oder Institutionen werden genannt?
Wann ist das Ereignis passiert?
Nicht erwähnt.
Wo spielt die Handlung des Artikels?
Freiburg, Göteborg
Worum geht es in einem Satz?
Wissenschaftler aus 27 europäischen Einrichtungen warnen in einem Artikel, dass das geplante Omnibus-Paket der EU zur Pestizid-Zulassung zentrale Schutzmechanismen untergräbt, indem es regelmäßige Neubewertungen von Wirkstoffen abschafft und so Risiken für Biodiversität und menschliche Gesundheit erhöht.
Was war der Auslöser für den Vorfall?
- Warnung vor Schwächung von Schutzmechanismen bei Pestizid-Zulassungen
- Empfehlungen durch Wissenschaftler von 27 europäischen Forschungseinrichtungen
- Geplantes Gesetzespaket der EU-Kommission
- Aktuelle Regelung der Pestizid-Zulassung erfolgt für zehn Jahre mit Risikoanalyse
- Kritische Anmerkung zu unbegrenzten Zulassungen ohne regelmäßige Neubewertung
- Fehlendes systematisches Monitoring nach Zulassung
- Beweislastumkehr von Herstellern zu Behörden
- Bisherige Bedeutung der regelmäßigen Neubewertung von Pestiziden
- EU und nationale Zuständigkeit bei Pestizid-Produkten
- Risiko der Abschwächung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei Zulassungen
- Übergangsfristen bei fehlender Erneuerung von Zulassungen
- Forderung nach klaren Bewertungsrichtlinien und transparenten Zulassungsstudien
Wie hat die Öffentlichkeit oder Politik reagiert?
Nein.
Welche Konsequenzen werden genannt?
- Schwächung zentraler Schutzmechanismen bei Pestizidzulassungen
- Wegfall regelmäßiger Neubewertungen von Pestizid-Wirkstoffen
- Fehlendes systematisches Monitoring von Pestizid-Risiken
- Beweislastumkehr vom Hersteller zu den Behörden
- Erhöhung von Risiken für Biodiversität und menschliche Gesundheit
- Untergrabung des Vorsorgeprinzips
- Widerspruch zu europäischen und internationalen Umweltschutzzielen
- Weniger Einbezug wissenschaftlicher Erkenntnisse bei Produktzulassungen
- Verlängerung der Übergangsfrist für nicht erneuerte Zulassungen auf bis zu drei Jahre
- Risiko von Innovationsanreizen schwächen
- Altersprodukte länger auf dem Markt ohne regelmäßige Überprüfung
- Notwendigkeit von transparenten Zulassungsstudien und -kriterien
- Verbesserung der Zulassung von Pestiziden durch fundierte wissenschaftliche Analyse
- Möglichkeit gezielter Nachprüfungen bei hohem Gefahrenpotenzial von Pestiziden
Gibt es bereits eine Stellungnahme?
Ja, im Artikel wird eine Stellungnahme zitiert. Dimitry Wintermantel äußert Bedenken, dass das Omnibus-Paket die regelmäßige Neubewertung von Pestizid-Wirkstoffen weitgehend abschafft und somit die Risiken für Biodiversität und menschliche Gesundheit erhöht.
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