Familie

Ist Sitzenbleiben pädagogisch wertvoll?

Ist Sitzenbleiben pädagogisch wertvoll?

Jedes Jahr wiederholen nur in der Hauptstadt Berlin rund 4000 Kinder die Klasse und die Tendenz ist steigend. Aber bringt Sitzenbleiben tatsächlich etwas? Können die Kinder von der „Ehrenrunde“ profitieren oder sollte das Sitzenbleiben abgeschafft werden, wie jetzt wieder einmal Bildungsexperten verlangen? Es gibt einige Studien, die im Sitzenbleiben einen eher negativen Effekt sehen, da die Kinder es als eine Art Bestrafung empfinden. Das Selbstbewusstsein wird beeinträchtigt, was gefährlich ist, denn das Selbstwertgefühl ist für die guten Leistungen in der Schule enorm wichtig.

Wo können Schüler Sitzenbleiben?

Das Schulgesetz besagt, dass alle Schüler mit dem Beginn eines neuen Schuljahrs in die nächsthöhere Jahrgangsstufe aufrücken. Handelt es sich um eine Sekundar- oder Grundschule, dann können die Schüler nur in Ausnahmefällen sitzenbleiben. Möglich ist das durch die sogenannte Schulanfangsphase, die statt in zwei auch in drei Jahren absolviert werden kann. In diesem Fall ist jedoch nicht von Sitzenbleiben die Rede, die Schüler „verweilen“ lediglich. Das Sitzenbleiben, wie es die meisten kennen, gibt es nur in den Gymnasien, den Oberstufen der Sekundarstufen und in den Fachoberschulen.

Mit welchen Noten bleiben Schüler sitzen?

Drei oder mehr „Mangelhaft“ reichen zum Sitzenbleiben im Gymnasium aus. Mit nur zwei „Mangelhaft“ besteht die Möglichkeit, diese noch auszugleichen, wenn es in den anderen Fächern mindestens zweimal ein „befriedigend“ gibt. Hat ein Schüler in einem der sogenannten Kernfächer Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache die Note Fünf, dann muss es in einem anderen Kernfach eine Drei geben, um versetzt zu werden. Hat der Schüler aber zwei Fünfen oder eine Sechs in einem Kernfach, dann ist der Zug abgefahren und die Klasse muss wiederholt werden.

Gibt es die Möglichkeit, freiwillig zu wiederholen?

Oftmals zeichnet sich schon lange vor dem Ende des Schuljahrs ab, dass eine Versetzung nicht möglich ist. Wenn Eltern merken, dass ihr Kind es nicht schafft, dann können sie bei der Schule einen Antrag stellen und um eine Versetzung in die nächst niedrigere Klasse bitten. Die Lehrer stimmen diesem Antrag in den meisten Fällen zu, denn so geben sie dem Schüler die Möglichkeit, sich zu verbessern oder zu stabilisieren. Sehr oft wiederholen die Schüler der zehnten Klasse der Sekundarschulen. Die meisten hoffen so auf einen besseren Abschluss oder auf eine Qualifikation für die Oberstufe.

Wie oft ist Sitzenbleiben möglich?

Zwischen den Klassen sieben und zehn dürfen nach dem Schulgesetz nicht mehr als sechs Jahre liegen. Wer also zwischen der siebten und der zehnten Klasse zweimal sitzenbleibt, der hat Pech. Ausnahmen sind aber möglich, wenn zum Beispiel die Aussicht besteht, dass der Schüler den Abschluss doch noch schafft. Für das Gymnasium gilt, wer zweimal in der gleichen Stufe sitzen bleibt, der muss gehen. Das Gleiche gilt auch für die Einführungsphase der Oberstufe, denn wer dort zweimal versagt, der ist ebenfalls raus.

Gibt es eigentlich Alternativen?

Sitzenbleiben ist richtig teuer. Jedes Jahr müssen die Bundesländer laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung dafür rund eine Milliarde Euro ausgeben. Sinnvoller ist es, dieses Geld in Förderunterricht zu investieren, wie ihn viele Sekundar- und Grundschulen anbieten. Leider reagiert das deutsche Schulsystem immer noch mit Sanktionen, was allerdings nicht viel bringt, wie andere Studien zeigen. Von den 156.000 Kindern, die in Deutschland im Schnitt sitzenbleiben, kostet jeder Schüler rund 4200 Euro, dabei geht es auch günstiger.

Ein bekanntes Problem

Wenn es um die Schulbildung geht, dann sollte die Herkunft des Schülers keine Rolle spielen, was zählt, ist einzig und allein das Wissen. Leider ist Deutschland eines der wenigen Länder in der westlichen Welt, in dem die Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten sozialen Schicht über Erfolg oder Misserfolg in der Schule entscheidet. Dieses Problem ist seit Langem bekannt. Hinlänglich bekannt  ist auch, dass dieses Problem die Zukunft der Gesellschaft bestimmt, aber in der Politik interessiert sich niemand dafür. Dabei gibt es sehr viele Vorschläge, wie es besser laufen könnte und wie ein gerechtes Bildungssystem aussehen kann. Einer dieser Vorschläge ist: das Sitzenbleiben abzuschaffen.

Viele gute Ideen

Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich die Roland-Berger-Stiftung mit der Förderung von Kindern, die sozial benachteiligt sind. In der neuen Studie, die den Titel: „Schule 4.0: Bildungsgerechtigkeit als Basis für sozialen Frieden, Wachstum und Wohlstand“ trägt, gibt es eine Vielzahl von guten Ideen, um das Schulwesen in Deutschland gerechter zu gestalten. Kindertagesstätten sollten grundsätzlich kostenlos sein, die Erzieher brauchen eine bessere Schulung und Bezahlung, fordert die Stiftung. Die Grundschulen müssen eine bessere finanzielle Ausstattung bekommen und sie müssen in der Lage sein, individuell und flexibel auf jeden Schüler einzugehen. Ganztagsschulen stehen ganz weit oben auf der Agenda, ebenso wie die Abschaffung des Sitzenbleibens.

Das Geld sinnvoll investieren

Sitzenbleiben ist wie bereits erwähnt, eine sehr teure Angelegenheit. Nach Ansicht der Roland-Berger-Stiftung könnten Springer-Lehrer von diesem Geld bezahlt werden, die verhindern, dass immer wieder Schulstunden ausfallen müssen. Die Kinder könnten Unterricht in kleinen Gruppen und gezielt Nachhilfe erhalten. Es ist sinnvoller, Kinder in den Fächern zu fördern, in denen sie schwach sind, als sie direkt eine Klasse zurückzustufen.

Das sagen die Kritiker

Allerdings gibt es auch viele Stimmen, die gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens sind. Ein immer wieder vorgebrachtes Argument in der Diskussion ist, dass der Fokus offenbar immer nur auf den Kindern liegt, die Probleme in der Schule haben. Ebenso wichtig sollte aber sein, sich um die zu kümmern, die keine Probleme haben und die Schule schaffen. Bekanntlich ist es immer der Langsamste, der das Tempo vorgibt, dem die anderen folgen müssen. In einer Leistungsgesellschaft sollte jedoch der Schnellste das Tempo vorgeben und nur die mitnehmen, die das Tempo halten können. In der heutigen Gesellschaft ist es nicht möglich, immer wieder auf die Schwächeren Rücksicht zu nehmen, zumal die Gesellschaft aktuell mit großen Problemen konfrontiert wird. Der Brandbrief einer Gemeinschaftsschule in Bruchwiese im Saarland zeigt, wo die Probleme liegen. Dort herrschen momentan offenbar verheerende Zustände, die von Angst, Bedrohungen, Alkohol und Drogen geprägt sind. 86 Prozent der Schüler haben dort, wie in vielen anderen deutschen Schulen auch, einen Migrationshintergrund.

Fazit

So schnell wird sich im deutschen Schulsystem nichts ändern, schwache Schüler bleiben weiter sitzen. Und es wird nach wie vor auf die soziale Schicht ankommen, ob es mit einer guten Schulbildung klappt oder eher nicht.

Bild: @ depositphotos.com / Syda_Productions

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen und bezeichnet sich selbst als flexibel, aufgeschlossen und wissbegierig.
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