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331 Schritte in ein neues Zeitalter

331 Schritte in ein neues Zeitalter

Vier Jahre ist es her, seit Jered Chinnock aus den USA einen Unfall mit einem Schneemobil hatte. Die Diagnose der Ärzte damals war niederschmetternd: Querschnittslähmung, nie wieder auf eigenen Beinen stehen und nie wieder laufen. Jetzt widerlegte der junge Mann aus Amerika diese Diagnose von damals, denn er ist gelaufen, und zwar über 100 Meter oder 331 Schritte. Nur mit der Kraft seines Willens hat Jered das natürlich nicht geschafft. Ihm hat eine neu entwickelte Technik geholfen, wieder auf eigenen Füßen zu stehen.

Das Rückenmark stimulieren

Jered hatte das Gefühl in seinen Beinen vollkommen verloren. Er konnte seine Beine nicht mehr kontrollieren und er spürte keine Berührungen. Dann kam der Tag, der ihm wenigstens für einen kleinen Zeitraum das Gefühl wiedergab, die Beine wieder bewegen zu können. Sein Glück verdankt der junge Mann aus den USA russischen und amerikanischen Wissenschaftlern, die eine elektrische Stimulierung des Rückenmarks und eine spezielle Rehabilitationstherapie entwickelt haben. 43 Wochen dauerte diese Therapie in der berühmten Mayo Clinic in Rochester im US-Staat Minnesota. Wie bei den meisten Querschnittsgelähmten, so ist auch bei Jered Chinnock das Rückenmark durch den Unfall so stark beschädigt, dass die Signale des Gehirns nicht mehr bei den Beinen ankommen. Mittels der elektrischen Stimulanz des Rückenmarks überbrücken die Ärzte diese Lücke und das funktioniert, wie der 102 Meter lange „Spaziergang“ beweist.

Die Freude ist gedämpft

Zwar ist Jered der erste Mensch, der mit einer Querschnittslähmung so weit gelaufen ist, aber von einer großen Hoffnung für alle Patienten zu sprechen, ist verfrüht. Jered wurde zunächst ein sogenannter Neurostimulator unterhalb seiner verletzten Stelle implantiert. Dieser Stimulator sorgt für die elektrischen Impulse der Beinmuskulatur. Schnell zeigte sich, dass ein Stimulator alleine nicht ausreicht. Die Wissenschaftler entwickelten daher zwei unterschiedliche Muster, die verzahnt sind. Damit war es dem Patienten endlich möglich, die unterschiedlichen Phasen des Gehens zu meistern. Allzu enthusiastisch sind die Ärzte jedoch noch nicht und nicht alle Wissenschaftler verfolgen den gleichen Ansatz wie die Kollegen der Mayo Klinik.

Keine neurologische Heilung

Dass die Neurostimulation ein guter Ansatz ist, davon sind auch die Neurologen am Centre hospitalier universitaire vaudois  in Lausanne überzeugt. Die Schweizer Wissenschaftler verfolgen jedoch auch eigene Ideen. Bei Tierversuchen haben sie festgestellt, dass die Nervenfasern im Hirnstamm, die in der Wirbelsäule liegen, nachwachsen, wenn ein Neurostimulator das Rückenmark trainiert. Leider funktioniert das bisher nur bei Tieren, bei Menschen konnten die Ärzte etwas Ähnliches nicht beobachten. Was die elektrische Stimulanz aber kann, sie ist in der Lage, dem Patienten bei seinen Rehabilitationsübungen helfen. Noch ist es zu früh, von einer kompletten Heilung zu sprechen, aber die 331 Schritte machen Hoffnung.

Fazit

Für Jered Chinnock war es ein Wunder, dass er mit der Hilfe eines Trainers und eines Gehgestells über 100 Meter weit laufen konnte. Der Patient weiß allerdings, dass das (noch) nicht sein Alltag ist. In der Realität ist er nach wie vor auf einen Rollstuhl angewiesen, aber er hat gesehen, wie weit die Forschung auf diesem Gebiet bereits ist. Für Jered und alle anderen Patienten heißt das: Geduld haben und hoffen, dass die Wissenschaft am Ball bleibt, um weiter forschen zu können.

Bild: © Depositphotos.com / stokkete

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen und bezeichnet sich selbst als flexibel, aufgeschlossen und wissbegierig.
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